I C H.
Eingekuschelt im Camper entsperre ich mein Handy, öffne Instagram und schaue mir mein Profil an. Ich tippe auf meine Story-Highlights und sehe mir Videos an, in denen ich in die Kamera spreche. Videos, die ich vor ungefähr drei Monaten, am Anfang der Weltreise aufgenommen habe.
Ich sehe mich und höre mich sprechen und doch ist es als wäre es eine fremde Person, die mir dort auf dem Bildschirm entgegen blickt.
Kann das sein? Kann es sein, das ich mich in dieser kurzen und doch langen Zeit nicht nur äußerlich so verändert habe?
Wenn mir andere Leute früher erzählt haben, sie hätten sich durch eine Langzeitreise verändert, ihre Einstellung geändert, konnte ich das zwar verstehen, jedoch dachte ich nicht das es mir auch passieren könnte. Es war mir nicht bewusst das es auch eine Reise zu mir selbst sein würde.
Es ist ein Prozess den man durchläuft. Man verlässt seine Komfortzone. Wird sozusagen rausgerissen aus dem normalen, völlig bekannten Alltag. Zuhause kennt man jeden Handgriff. Man kennt die Verkäuferin im Supermarkt um die Ecke, den netten Obsthändler, bei dem man jede Woche das selbe kauft, weiß genau zu welcher Zeit der Postbote kommt und wann man welche Leute auf der gewohnten Laufstrecke trifft. Natürlich gibt es in einer Stadt wie Stuttgart immer wieder etwas Neues zu entdecken, ich meine, es wird nie langweilig, jedoch ist der Alltag allgegenwärtig.
Wenn man sich allerdings auf den Weg macht, aufbricht auf eine Reise, sein wichtigstes Hab und Gut in einen Rucksack verpackt und die Wohnungstür hinter sich zuzieht, dann verlässt man diese gewohnte Zone. Diesen Bereich in dem sich alles sicher und heimelig anfühlt.
Plötzlich ist man (gefühlt) schutzlos und auf sich allein gestellt. Man ist in einem fremden Land, in dem die Menschen eine andere Sprache sprechen und nichts dem Alltag Zuhause gleicht. Alles sieht anders aus, es fühlt sich anders an, ja, es riecht sogar anders.
Und was passiert nun? Man passt sich an. Ich passe mich an. Wir passen uns an.
Ja, wir haben uns tatsächlich schlicht und einfach dem Leben hier angepasst. Schwingen mit, sind im Flow und lassen uns mitreißen.
Lustigerweise stellt man schon nach kurzer Zeit fest, das man schon so viele Dinge gemacht hat, von denen man früher gesagt hat „das würde oder könnte ich niemals machen“.
Sachen wie in einer dunklen Wellblechhütte zu duschen, ohne zu wissen welche Tiere sich mit mir darin befinden, überhaupt eiskalt zu duschen, in den Bergen zu wandern und dabei ganz vor an den Abgrund zu stehen, als wäre die Höhenangst gar nicht mehr vorhanden, jeden Tag ein Menü zu zaubern, mit nur einer Flamme, in einem Zelt zu schlafen, mitten im Regenwald und einer Geräuschkulisse die ganz schön gruselig ist, meine Haare nicht mehr zu färben, mich nicht mehr zu schminken, offline zu sein und mich mit meiner Vergangenheit und meiner Zukunft zu beschäftigen, mitten in der Nacht durch den Regenwald zu wandern und nur das zu sehen was meine Stirnlampe anstrahlt, ins Meer zu hüpfen, obwohl ich den Boden nicht sehe und ruhig zu bleiben obwohl ich gerade ein Stück Rinde vom Dach des Autos geholt habe, auf dem eine riesige Spinne saß und wochenlang in einem Auto zu schlafen und mir jeden Tag das Bad mit fremden Menschen zu teilen. Ich könnte diese Liste noch ewig weiterführen...
Auch war ich ganz und gar nicht darauf vorbereitet was sich alles innerlich bei mir bewegen würde. Ich sag’s mal so, die Gefühlswelle hat mich überrollt, richtig krass erwischt und ganz schön durchgewirbelt. Ich wurde sozusagen dazu gezwungen mich mit mir zu beschäftigen. Da war doch noch die ein oder andere Baustelle.
Es ist tatsächlich auch eine Reise zu mir selbst. Ich höre viele Podcasts und lasse mich inspirieren. Schreibe ganz viel auf. Bin voller neuer Energie.
Ich habe tausende Ideen, platze manchmal fast vor Tatendrang. Mein Selbstvertrauen ist gewachsen und auch das Vertrauen in mein Leben ist viel stärker als zuvor.
Vielleicht hat es „klick“ gemacht, ich weiß es nicht. Auf alle Fälle ist es ein verdammt gutes Gefühl.
Es ist ein Loslassen, zugleich ein Festhalten und ein absolutes Abschalten. Ich bin weg. Werde nicht abgelenkt. Es ist ein neues An-Sich-Glauben und vor allem ganz, ganz viel Dankbarkeit.
Dankbarkeit dafür, das ich/das wir es gewagt haben. Es jeden Tag aufs Neue wagen. Das ist die Zeit unseres Lebens. Die Momente, die wir bis jetzt schon erlebt haben, sind zwar vergangen, verpufft- aber die Erinnerungen daran, wie sie sich angefühlt haben, bleiben uns für immer.
Hongkong 03.11.2018 Melbourne 11.02.2019
Nein, ich bin nicht mehr ich von vor drei Monaten. Ich bin immer noch ich. Aber anders.
Ich bin achtsamer, habe eine neue Vorstellung von Werten und habe meine Sichtweise auf bestimmte Dinge verändert.
Ich bin verbunden mit mir selbst und der Natur und inspiriert von Erlebnissen und Eindrücken.
Eines ist sicher, ich werde mich selbst nie verlieren, aber ich werde am Ende dieser Reise nicht mehr dieselbe sein. Auf eine ganz wundervolle Art.
Jule x




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